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19.01.2026
13:19 Uhr
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Beim Weltwirtschaftsforum soll globaler Dialog gepflegt werden. Funktioniert das noch, Børge Brende? Der Chef des Weltwirtschaftsforums über die Zukunft des Elitetreffs

Børge Brende, 60, ist CEO, Präsident und Vorstand des in Genf ansässigen Weltwirtschaftsforums. Nach dem überraschenden Rücktritt des WEF-Gründers Klaus Schwab im vergangenen Jahr, wurde befürchtet, das Gipfeltreffen in Davos könne an Bedeutung verlieren. Nach der jüngsten Zollandrohung von Donald Trump gegen die EU ist allerdings klar: Das Gegenteil ist der Fall. Das diesjährige WEF wird zum Krisengipfel mit Rekordbeteiligung – im Mittelpunkt der US-Präsident, der mit dem von ihm formulierten Anspruch auf Grönland die Weltordnung abermals ins Chaos gestürzt hat. Im Interview spricht der CEO des WEF, Brende, über seine Erwartungen an Davos 2026. Das Gespräch fand vor Trumps neuerlicher Zollankündigung statt, nachgereichte Fragen zum Zollkrieg wollte er nicht beantworten. DIE ZEIT: Herr Brende, der schweizerisch-amerikanische Autor James Breiding hat erklärt, das diesjährige Davos werde entscheidend für das WEF. Es sei ein "Make-or-break"-Moment. Hat er recht? Børge Brende: Ich bin jetzt mehr als zehn Jahre beim Weltwirtschaftsforum, und vor jedem Davos erklärt irgendein Autor, dieses Davos sei entscheidend für uns. Wir sind das gewohnt, ohne jetzt selbstzufrieden sein zu wollen. Wir sehen aber, dass der Bedarf für eine Organisation wie das WEF, die Wirtschaft und Regierungen zusammenbringt, definitiv besteht. Die Staaten sind so verschuldet wie seit 1945 nicht mehr – trotz Ausnahmen wie Deutschland, Norwegen, Singapur und der Schweiz. Also muss man mit dem Privatsektor zusammenarbeiten, um Dinge zu bewegen – und dafür bieten wir die Möglichkeit. ZEIT: James Breiding schreibt auch über den "Bedeutungsverlust" des Forums trotz Rekordumsätzen. Brauchen Sie ein neues Geschäftsmodell? Brende: Unser Geschäftsmodell funktioniert sehr gut. Als ich in der norwegischen Armee war, stand an der Tür unserer Baracke: "Repariere nicht, was nicht kaputt ist." Gute Idee. Angesichts der historischen Teilnehmerzahlen in Davos würde man auf Englisch sagen "The proof is in the pudding " – also: "Der Beweis ist erbracht." Wir sind in sehr guter Verfassung. Unsere Kernfinanzierung kommt von aktuell 958 Unternehmenspartnern. Das Interesse an uns ist größer denn je. Allein im vergangenen Jahr haben wir 60 neue Partnerfirmen gewonnen und generieren auf diese Weise weitere Einnahmen. Wir bekommen keine Kernfinanzierungen von Regierungen, und die Finanzierung ist bedingungslos. Das ist jetzt wichtig, wo man sieht, wie unberechenbar es für die Vereinten Nationen und andere Organisationen wird, die von staatlicher Finanzierung abhängig sind. Überdies betonen alle Führungskräfte in Gesprächen die Bedeutung des Dialogs, gerade in einer immer stärker fragmentierten Welt. Jeder kann hier, in der neutralen Schweiz, das Gefühl haben, einen sicheren Ort für den Austausch zu finden. ZEIT: In der Financial Times heißt es, dass Sie, um Donald Trump nach Davos zu holen, bestimmte Zusagen bezüglich der Inhalte machen mussten – vor allem weniger "Wokeness". Ist da etwas dran? Brende: In den 55 Jahren Geschichte des Weltwirtschaftsforums haben wir immer auf unsere Unabhängigkeit geachtet und allein über die Themen und das Programm entschieden. Deshalb sind wir in der privilegierten Situation, dass wir auch hochrangige europäische, afrikanische, chinesische und lateinamerikanische Führungskräfte in Davos erwarten. Wir werden auch künftig immer an der redaktionellen Unabhängigkeit festhalten. ZEIT: Es fällt zum Beispiel auf, dass in den Headlines des Programms das Wort "Klimakrise" nicht auftaucht. Brende: Wenn Sie sich das Programm ansehen, werden Sie sehen, dass es große Sessions zu Natur und Klima gibt. ZEIT: Deshalb habe ich nach dem Begriff gefragt. Brende: Sie sehen die Themen dort. Wenn es um Klima und Umwelt geht, hat sich die Politik vielleicht verändert, aber die Wissenschaft nicht. Wir wissen, dass die Welt bei den Klimazielen nicht auf Kurs ist. Wir wissen auch, dass jedes Jahr viele Arten verschwinden. Natürlich haben manche Teilnehmer beim Klimawandel eine andere Ansicht und sehen den Klimaschutz nicht als oberste Priorität an. Aber wir haben etwa die Gruppe der CO2-Climate-Leaders: 120 CEOs, deren Unternehmen sich verpflichtet haben, bis 2050 klimaneutral zu werden. Wir haben auch die First Movers Coalition, eine wachsende Gruppe, die ihre Marktmacht nutzt, um die Lieferketten nachhaltiger zu gestalten. Die Einkäufer von Aluminium zum Beispiel werden künftig nachhaltigeres Aluminium kaufen und damit eine große Nachfrage auslösen. Ein stärkeres Signal finden Sie im gesamten Markt nicht.